Alles wiederholt sich.

Aber nichts wird je wieder so,

wie es einmal war.

Prolog

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche den Staat. Ich suche den Staat.“

Da auf dem Markt gerade viele von denen zusammen standen, welche nicht an den Staat glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist der Staat denn verloren gegangen?, sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind?, sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich gar vor uns? So schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und schrie: „Wohin der Staat ist? Ich will es euch sagen. Wir haben ihn getötet. Ihr und ich.“

(Friedrich W. feat. Micha J. / 1882 – 2015)

Keine gute Idee

Es klang harmlos – eigentlich. Nach heiler Welt, nach Alles-ist-in-bester-Ordnung, nach Kein-Grund-zur-Sorge. Kultiviert, gediegen, gutbürgerlich, heimelig klang es, dieses melodische Ding-Dong. Jedenfalls sollte es wohl so klingen. Und dennoch – oder vielleicht auch gerade deshalb – hatte es mich erschreckt. Es hatte die morgendliche Stille meiner Wohnung zerrissen, mir die wohltuende Illusion des Privaten geraubt, mein Gefühl der Geborgenheit, der Souveränität, der inneren Sicherheit zerstört.

Seit fast drei Monaten wohnte ich jetzt schon hier. Wobei »wohnen« wohl nicht wirklich der passende Ausdruck ist. Hatte ich mich hierher verkrochen, trifft es viel eher. Nach drei Monaten glaubte man, mit allen üblichen Geräuschen seiner Umgebung vertraut zu sein. Daher hielt ich mein instinktives Zusammenzucken vor diesem so aufdringlich anheimelnden Ding-Dong auch zunächst für den ganz normalen Reflex des Erschreckens, den das Überraschende, das Unerwartete, das Unberechenbare stets in uns auslöst.

Doch auch über die erste Schrecksekunde hinaus hinterließ das Ding-Dong ein nachhaltiges Gefühl der Verunsicherung, der Ohnmacht, der jederzeitigen Verletzlichkeit. In jenen Gehirnarealen, die wir für das Intuitive, Spontane, Unüberlegte, den letzten verbliebenen Rest des Primitiven in uns verantwortlich machen, hatte es meine My-home-is-my-Castle-Illusion bereits zerstört. Längst bevor ich die vermeintlich höheren Hirnsphären bemüht hatte, um herauszufinden, woher es überhaupt kam. Sie funktionieren langsam, die rationalen, vernünftigen Bereiche unseres Großhirns, mit denen wir das Objektive zu erkennen und »wirklich zu denken« glauben, und die wir so gerne für unser eigentliches Ich halten. Es dauerte ein oder zwei Sekunden, bis sie realisiert hatten: Das Ding-Dong konnte nur von der Türglocke gekommen sein.

Die Türglocke. Das hieß nichts Gutes. Das hieß, jemand stand direkt vor meiner Tür! Nichts war in Ordnung! Nichts war unter Kontrolle!

Denn niemand, mit dem ich noch freiwillig Umgang pflegte, wäre unangemeldet, zufällig »eben mal hier vorbeigekommen«. Hier kam man nicht eben mal vorbei. Nicht hier, nicht im Wedding. Denn wenn meine Wohnung auch nur wenige Schritte von der Friedrichstraße, dem Zentrum, dem Regierungsviertel entfernt lag, so lag sie eben doch jenseits der Grenze. In einem Stadtteil, für dessen Bewohner es keinen politisch korrekten Namen gibt. »Prekariat« war vor einigen Jahren in aller Munde, hat sich dann aber doch nicht durchgesetzt. »Unterschicht« sagt man nicht – man denkt es nur.

Niemand hätte es versäumt, sich, bevor er sich auf den Weg zu mir in diese Gegend machte, zu versichern, dass er diesen Weg nicht umsonst machte, sondern mich auch wirklich antraf. Das gab mir die Möglichkeit, jeden Eindringling schon im Vorfeld abzuwimmeln.

Doch jetzt stand jemand vor meiner Wohnungstür, läutete die Türglocke, drängte sich in mein Leben – ungefragt, gegen meinen Willen. Nicht einmal hier hatte ich meine Ruhe. Ich konnte mich nicht einfach verkriechen. Nicht vor der Normalität! Nirgendwo! Die Vorstellung, es könnte vielleicht doch noch irgendwie alles gut gehen, war eine naive gewesen.

Die Zeit war nicht stehen geblieben. Und die Dinge entwickelten sich nicht gut für mich. Das richtige Leben ging weiter. Man konnte es nicht aussitzen, indem man in eine Gegend floh, in der alle das Leben auszusitzen schienen.

Das Ding-Dong hatte mir wieder schmerzlich bewusst gemacht, dass die letzten drei Monate nur eine kurze Atempause gewesen waren, ein flüchtiges Intermezzo, die letzte Ruhe vor dem Sturm, eine allerletzte Gnadenfrist, bevor endgültig alles zusammenbrach. Und jetzt war es wohl so weit. Es fühlte sich so an, als würde der Boden unter mir wegsacken.

Vielleicht stand da draußen vor der Tür ja nur ein Scherge des Vermieters, der wissen wollte, wo die Miete blieb. Vielleicht auch der irgendeines anderen Gläubigers, der Banken oder gar des Finanzamts. Vielleicht stand da aber eben auch der ganz große Bahnhof! Vielleicht war es ja doch keine gute Idee von mir gewesen, die Staatsanwaltschaft in die Sache hineinzuziehen. Das konnte ein böser Bumerang werden.

Es lag auf der Hand, dass die anderen genauso versuchen würden, die Staatsanwaltschaft für ihre Zwecke einzuspannen. Und da die anderen selbst der Staat waren – irgendwie jedenfalls –, war es durchaus denkbar, dass die Staatsanwaltschaft viel lieber mich als die anderen zur Strecke bringen würde.

Ich hatte mir in den letzten Wochen schon oft ausgemalt, wie es wohl sein würde, wenn sie kamen. Allerdings hatte ich es nie gewagt, es ganz konkret auf mich zu beziehen. Die kurzen Episoden, Bildfetzen, die mir durch den Kopf schossen, betrafen immer andere. Verhaftungsszenen. Bullen, die den Festgenommenen die Hände auf den Rücken drehten und ihnen Handschellen anlegten. Bilder der kleinen, dicken Staatsanwältin mit der Pudelfrisur, die Klaus Zumwinkel, den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post, wie eine Trophäe abführen ließ.

Es war keine schöne Vorstellung, selbst verhaftet zu werden. Würden sie in meinem Fall so weit gehen, ein richtiges Einsatzkommando zu schicken? Im Morgengrauen, mit schwarzen kugelsicheren Westen? Würden sie mich vielleicht in Handschellen abführen? Obwohl sie ganz genau wussten, dass ich nicht versuchen würde zu fliehen. Wohin denn auch?

Ich würde weder fliehen noch würde ich Widerstand leisten. Mein Revolver lag im Safe im Schloss, weit weg. Und dort lag er gut. Auch das wussten sie wahrscheinlich. Sie waren Profis. Sie hatten jede Menge Erfahrung mit solchen Situationen – im Gegensatz zu mir.

Handschellen und martialisches Verhaftungsgehabe dienten allerdings auch gar nicht dazu, Flucht oder Gegenwehr zu verhindern. Sie dienten der Einschüchterung, der Demütigung, der Machtdemonstration. Die mehr oder minder dezente Gewaltanwendung, die der Staatsmacht zustand, signalisierte einem Delinquenten unmissverständlich, dass er sich mit den Falschen angelegt hatte. Aus diesem Grund behandelten sie selbst harmlose Steuerhinterzieher gerne wie Gewaltverbrecher.

Sie würden meine Wohnung in ein Schlachtfeld verwandeln, Schubladen herausreißen und auf den Fußboden ausleeren, alles durchwühlen. Wobei, sehr viel zu durchwühlen gab es im Grunde gar nicht. Meine Zweizimmerwohnung war höchst übersichtlich eingerichtet. Schlicht, geradlinig, auf das Wesentliche reduziert. Ein Bett, ein Schreibtisch, ein Kleiderschrank und ein Regal voll Akten. Im Wohnzimmer stand nur eine schlichte Futon-Couch.

Sie würden natürlich sämtliche Akten mitnehmen. Und selbstverständlich mein Notebook. Um dann heimlich alles beiseite zu schaffen?

Denn sie würden doch nicht wirklich etwas finden wollen. Ganz sicher jedenfalls nichts, was die Vorgesetzten der Vorgesetzten ihrer Vorgesetzten belasten könnte. Sie würden alles Greifbare »sicherstellen«. So hieß das im Beamtendeutsch: »sicherstellen«. So sicher, dass es nie wieder zum Vorschein kommen würde?

Dass es so weit gekommen war, hatte niemand gewollt. Und doch war es unvermeidlich so weit gekommen – zwangsläufig, alternativlos. Warum? Ganz einfach. Weil sich die Gelegenheit ergeben hatte. Warum sonst?

Niemand hatte sich je darum geschert, ob das, was wir getan hatten, strafbar war. »Straf-bar« heißt soviel wie kann bestraft werden – muss es aber nicht.

Wir waren uns jedenfalls immer völlig sicher gewesen, dass niemand uns bestrafen würde. Denn wenn es um sein Geld geht, misst Vater Staat gern mit zweierlei Maß. Enthält man ihm seine wohlverdienten Steuern vor, kennt er kein Pardon. Eine Million soll Ex-Postchef Zumwinkel hinterzogen haben – eine lumpige Million. Doch spätestens bei einer Million droht gnadenlos der Knast. Da hört die Freundschaft auf. Ob DAX-Vorstand, Pressezar oder Tennissuperstar. Ob Wirtschaftsbosse oder Sportidole, Helden der Nation. Alle hat Vater Staat sie in den Knast gesteckt. Selbst einen Fußballkönig hat er nicht verschont.

Ich werde das zynische Grinsen des Finanzministers bei »Günther Jauch« nicht vergessen, als sie den Meistermacher, den erfolgreichsten Clubmanager aller Zeiten eingelocht haben. Vor wenigen Tagen noch war er als Architekt des Tripletriumphs gefeiert worden. Aber dann hatte er sich erwischen lassen. Und mit einem Schlag, von einer Sekunde auf die andere war er kein Star, kein Vorbild, kein guter Mensch mehr, sondern nur noch einer, der dem Staat seine Steuern vorenthielt. Ein Gesellschaftsschädiger, ein Asozialer, ein kriminelles Element war er jetzt. Kein Wort schien dem Finanzminister hart genug, ihn zu geißeln.

Doch als Günther Jauch den Finanzminister dann fragte, wie es denn umgekehrt mit den ehrlich gezahlten Steuermilliarden stehe, die auf dunklen Wegen aus der Staatskasse in schwarze Löcher zurückflossen, da huschte es dem Minister durch die Physiognomie, dieses Grinsen. Fast unsichtbar war es unter der wohlkalkulierten, staatstragenden Maske. Aber mir ist es nicht entgangen.

Das Grinsen des Finanzministers schien mir wie ein Augenzwinkern zu sein, das er allen zuwarf, die auf der richtigen Seite standen. Wer auf der richtigen Seite stand, der zahlte seine Steuern, wie es sich gehörte. Der verweigerte sich dem Steuersäckel nicht. Er bediente sich aus ihm.

Genau das war auch unser Geschäftsmodell gewesen. Wir hatten uns die Steuern sozusagen von Vater Staat zurückgeholt. »Steuerrolle rückwärts« könnte man es nennen. Glücklicherweise drückt Vater Staat in diesem Fall gerne einmal ein Auge zu. Wenn es sein muss, auch beide. Selbst dann, wenn es – wie in unserem Fall – um weit mehr als eine Million ging. Je nachdem zumindest, wie man es betrachten wollte. Man konnte durchaus von etlichen Millionen reden, um die wir die Staatskasse erleichtert hatten.

Wollte man es allerdings nach der Façon der Landesregierung betrachten, ging es tunlichst um viel weniger als eine Million. Um sehr viel weniger, um sehr, sehr viel weniger. Eigentlich sollte es möglichst sogar um überhaupt nichts gehen. Die Landesregierung wollte am liebsten nie wieder etwas von diesen Millionen hören oder sehen. Für sie war der Fall erledigt. Ein ärgerlicher Kollateralschaden waren diese paar Millionen, nicht mehr.

Um nichts in der Welt wollte die Regierung das bisschen Geld zurück. Denn für sie ging es um sehr viel mehr als um schnöden Mammon. Es ging um ihren guten Ruf, ihr Ansehen, das Vertrauen des Bürgers in den Staat. Es ging um höhere Werte, die nicht für ein paar Millionen aufs Spiel gesetzt werden durften.

Wie ärgerlich, dass mir das erst jetzt klar wurde. Es wäre mir, als wir noch aktiv im Geschäft waren, nie im Traum in den Sinn gekommen, dass eine komplette Regierung samt Parlament, ja letztlich sogar der Steuerzahler höchstselbst die kreative Umverteilung von Steuergeld in private Taschen mit einer derartigen politischen, moralischen und juristischen Nonchalance hinnehmen würde.

Schade, wirklich jammerschade! Denn hätte ich das damals schon gewusst, hätte ich die Dinge besonnener angepackt, offensiver, realistischer – und natürlich noch viel schamloser. Aber dass man unseren Fall derart sang- und klanglos ad acta legen würde, hätte ich mir in meinen kühnsten Fantasien nicht vorstellen können. Ich würde jetzt ganz bestimmt nicht hier sitzen und mich fragen, wer oder was da vor meiner Wohnungstür stand, hätte ich es damals auch nur geahnt.

 

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